Fortsetzung erwünscht

Unbenannt-1Ich könnte über die gesamte Reihe schreiben. „Fröhliche Wissenschaft“ heißt sie. Eine Reihe, über die der Dichter Ulrich Schacht gesagt hat: „Sie passt in jede Jackentasche. Aber auch in jeden Kopf?“

Sie sind meine ständigen Begleiter. Der Vorteil des Handlichen liegt auf der Hand. Schmal, ganz schmal verschwinden sie in der Handtasche und machen sich gut neben Lippenstift, Kekskrümmeln, Taschentüchern, Stiften und der zu teuren, aber so gut riechenden französischen Handcreme.
Und einmal hervorgeholt in den kurzen Alltagspausen und reingelesen sind sie so voller guter Gedanken. Von der Art Gedanken, die nicht sofort verdaulich sind, sich nicht gleich erschließen, die man zwei Mal lesen muss oder drei oder vier Mal, um sie zu umreißen.

„Fröhliche Wissenschaft“ da steckt schon alles drin. Alles was ich mir wünsche, was ich so schätzen gelernt habe und nicht mehr missen möchte. Das ist nicht das zielorientierte Lernen, das dann in einen Bildungskanon gepackt wird, das Normierte, das einzig dazu dient zu prahlen oder mit der eigenen Informiertheit hausieren zu gehen, das übertrumpfen möchte, das andere klein macht, statt die Gedanken groß. Dabei kann Lernen und das ist doch eigentlich im Kerne einfach nur neugierig bleiben so eine kunterbunte Betrachtung der Welt sein mit dem simplen Wunsch, sie besser verstehen zu wollen. Ein Lernen, das weiter greift, nicht nur die eigene Sicht der Welt bestätigt sehen möchte, die Daseinsberechtigung der eigenen Disziplin untermauern, sondern begreifen möchte. Erkennen. Das auch eine Ode ist an das Leben, weil es nicht aufhört zu wundern und zu staunen, was es alles gibt, was möglich ist. Das hungrig macht auf mehr. Auf mehr Wissen, mehr Verstehen, mehr Zusammenhänge erkennen, mehr Sehen.
Fröhlich eben.

Das ist nicht immer leicht, aber es hält den Kopf wach und klar, trainiert die Muskeln dort oben, es hält rege. Manchmal sind es nur wenige Sätze, die ich lese und die mir dann zu tun geben, die ich drehen und wenden kann und sacken lassen. Und das tut so gut. Denn natürlich sind die Tage anstrengend und es wird viel telefoniert und verhandelt und organisiert – eben all das was heutzutage unter diesem übergroßen Wort Management subsummiert wird – und ja, das macht müde. Es ermüdet. Nicht, dass es auch da nicht immer wieder Neuland gäbe, aber es sind doch Routinen auf die ich zurückgreife und an diesen Tagen, egal wie müde der Kopf ist, da sehne ich mich nach ein wenig Pilates fürs Gehirn. So wie ich abends manchmal unbedingt noch die Laufschuhe auspacken und rennen muss, weil ein Ungleichgewicht besteht zwischen körperlicher und geistiger Anstrengung und diese Energie raus muss, einfach irgendwohin, so sehne ich mich an manchen Tagen nach klugen Gedanken. Nach neuen Sichtweisen. Die mich zwingen neu zu denken, andersherum und wieder zurück. Einmal im Kreis gedreht. So groß ist die Welt. So klein mein eigener Radius.

Nicht dass ich alles verstehe. Bei weitem nicht. Aber das ist nicht schlimm, weil wenn es nur Mosaikstücke sind und bleiben, wenn es eben einfach Zeit braucht, dann ist es auch gut. Nur träge sein. Das darf nicht sein.

Das lässt diese Reihe auch nicht zu. Ganz abgegriffen sind sie schon. Alle Bände von Byung-Chul Han, über den gesagt wurde, dass er einer der klarsten Denker dieses Landes ist, fallen schon fast auseinander. Über die Transparenzgesellschaft hat er geschrieben, über das Schöne. Neue Ansichten des Digitalen liefert er. Etwas zu der Müdigkeit, und ob sie nicht das Resultat ist einer immer fröhlichen, immer positiven Stimmung, die uns abverlangt wird. Oder meine jüngste Entdeckung: Der kleine Band von Peter Trawny. Trawny, der die Heidegger-Bände für mich so gut eingeordnet hat und hier über Intimität und das Private schreibt. Über das Innen und Aussen und zwar mit so vielen Gedankenquerschlägen, die mich verwundert zurücklassen. So hatte ich das noch nicht betrachtet. Guter Punkt.

Ins Wasser geschrieben heißt der Band. Alleine schon der Titel. Voller Sätze, die ich sammle und rausschreibe, die den Kopf anregen und Zeit brauchen. Niemals den Anspruch diese Welt zu erklären, aber ein Band, der keine schnellen Antworten liefert, keiner der Bescheid weiß zu alles und jedem, aber jemand, der etwas zu sagen hat und Funken versprüht, die anregen und ein Feuerwerk auslösen können.

Diese Reihe wird fortgesetzt.
Es darf nie aufhören.

das richtige Gemüt

_MG_0249Einen Satz gefunden oder er mich. Wer weiß das schon so genau. Aber auch wenn wir uns erst kurz kennen. Er bedeutet mir viel.

„Er hat und das ist vielleicht sein größtes Glück, das richtige Gemüt, um nicht zu verzweifeln. Er hat nicht die Aussichtslosigkeit des großen Ganzen im Blick, sondern die Machbarkeit des nächsten Schritts.“

aus dem Zeitmagazin

wie ein offenes Buch

056„Offenheit für ein Buch ist unerlässlich, und Offenheit ist einfach eine Bereitschaft, sich von dem, was wir lesen, verändern zu lassen. Das ist nicht so leicht, wie es sich anhört. Viele Menschen lesen, um ihre eigenen Ansichten zu erhärten. Sie lesen nur über ihre eigenen Interessengebiete. Sie glauben zu wissen, was für ein Buch es ist, ehe sie es aufgeschlagen haben, oder sie haben Regeln, die, wie sie sich einbilden, befolgt werden sollten, und reagieren mit Bestürzung, wenn etwas ihren Vorhersagen zuwiderläuft. Bis zu einem gewissen Grad liegt dies in der Natur der Wahrnehmung. Wiederholte Erfahrung schafft Erwartung, was die Art und Weise formt, wie wir die Welt, Bücher eingeschlossen, wahrnehmen.“

aus: Leben, Denken, Schauen von Siri Huvstedt

Bücher. Zehn.

025Das mit den Eiskübeln ging an mir vorbei. Die Frage nach zehn Büchern nicht.

  • Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins von Milan Kundera. Allein den Titel muss man sich auf der Zunge zergehen lassen und darin steckt sie schon, die Poesie, die wunderbare, die sich durch das Buch zieht.
  • I.M. von Connie Palmen und alle ihre Bücher. Connie Palmen schreibt Sätze, die so unmittelbar sind und so treffend, dass ich zusammenzucke, weil ich mich erkannt fühle. Sie benennt Dinge, die ich umschiffe und diese sezierende Ehrlichkeit ist so entwaffend und befreiend und wahr. So viel ärmer wäre ich, hätte ich ihre Bücher nicht gelesen.
  • Montauk von Max Frisch. Was ein Buch. Und natürlich Stiller für die schönste Passage, die je geschrieben würde über das Leben als Paar. Ach, und alle seine Tagebücher. Wie ärgere ich mich, dass so viele durch die Schullektüre von Homo Faber die Lust verloren haben auf diesen Schweizer Autor, den alle Welt lesen müsste, weil er so viel zu sagen hat.
  • Ermutigung zum unzeitgemäßen Leben: Ein kleines Brevier der Tugenden und Werte von Andre Comte-Sponville. Ich lese es einmal im Jahr. Es ist zeitlos und berührt mich immer wieder an immer wieder neuen Stellen. Es lässt mich klein und ungenügend fühlend zurück und doch ermutigt.
  • Rot von Uwe Timm. Ich weiß nicht, was es ist mit diesem Buch. Aber ich mag es. So sehr.
  • Das Jahr magischen Denkens von Joan Didion. Es reißt einem den Boden unter den Füßen weg. Alleine die Vorstellung davon zu erleben, was sie erlebt hat. Aber es lässt gewappneter zurück, falls das möglich ist.
  • Wie Proust Ihr Leben verändern kann von Allain de Botton, weil es ein Einstieg in seine Bücher war und in die Videos von ihm auf youtube und er einfach großartig ist.
  • Bildung – Alles, was man wissen muß war ein Schlüsselbuch. Zum ersten Mal sah ich Zusammenhänge. Sonst verloren in Details und Einzelfakten und auf einmal zu verstehen, warum das passieren musste und wie Ereignisse verknüpft, das hat einen Blick geöffnet für das, was Bildung und Lesen sein kann.
  • C’est tout. Das ist alles von Marguerite Duras. Ein kleiner blauer Band. Wird nicht mehr verlegt. Einzelne Sätze, Tagebuchauszüge, die mich jedes Mal wieder wegreißen. Liegt immer neben meinem Bett.
  • Südlich der Grenze, westlich der Sonne von Murakami. Ich mag sie so. Seine Sprache und die Klarheit. Wie Hajima das Leben so passiert, das hat mich eingesogen.

Abendstudium für ein besseres Weltverständnis

032Ich habe es noch nicht ausgelesen. Aber wie sehr ich es schon jetzt mag. Leben, Denken, Schauen von Siri Huvstedt, dieser Frau, die so schön ist und mit Paul Auster verheiratet und auf diese unglaublich Weise klug. Ich lese ihre Essays, einen nach dem anderen und schüttle immer den Kopf über ihr Wissen und ihre Neugier, was sie sich angelesen und angeeignet hat, wie sie verstehen will und begreifen, so unermüdlich wissensdurstig. Das lässt mich staunen. Immer wieder. Sie schreibt über das Lesen, neun Seiten lang und ich bleibe verwundert zurück, weil sie Aspekte beleuchtet und einen Blickwinkel wählt, der mich das, was ich zu kennen und zu wissen glaubte in anderem Licht sehen lässt. Die Essays, die kleinen Geschichten handeln nicht von den großen weltpolitischen Themen, sondern von Büchern, dem Verhältnis zur Mutter, über Blumen, über Frauen und Bildung oder Migräne. Sie tut dies mit einer unglaublichen Bildung, die so selten zu finden ist heute, vielleicht weil sie Zeit braucht. Sie verbindet ihr Wissen über Kunsttheorie, Literaturwissenschaften, Psychoanalyse, Philosophie und Neurowissenschaften, verknüpft dies und auf einmal erscheinen Alltäglichkeiten und Geläufiges in neuem Licht. Der Blumenstrauß auf dem Tisch ist nicht einfach mehr nur ein Blumenstrauß. Das Buch macht einen wieder zum Vierjährigen, der bei jedem Kieselstein fragt: Warum ist das so?

Das könnte jetzt alles sehr kompliziert machen, aber das tut es nicht. Weil sie bei den hinterfragten Alltäglichkeiten nicht abgleitet. Diese Kunst, die sie beherrscht, über die schreibt sie selbst am besten. In einem der Essays zitiert sie Beer, der ein Vorwort geschrieben hat für eine Einführung zu Autopoiesis and Cognition, die ich nicht kannte, von der ich nie gehört habe und auch nie lesen werde, aber sie hat es getan und darin stehen diese Sätze über das Expertentum, das so oft anzutreffen ist in unserer Zeit, nämlich, dass „ein Mensch, der Anspruch auf Wissen über irgendein kategorisierbares Stückchen Welt, wie klein auch immer, erheben kann, Wissen, das umfangreicher ist als das von sonst jemandem über dieses Stückchen, hat ausgesorgt: der Ruft wächst, die Paranoia ebenfalls. Die Zahl der Arbeiten nimmt exponentiell zu, das Wissen infinitesimal, doch das Weltverständnis nimmt eigentlich ab, weil die Welt in Wirklichkeit ein Interaktionssystem ist.“ Siri Huvsted hat Weltverständnis, weil sie Disziplinen miteinander verknüpft, Verbindungen herstellt und damit dem, was Bildung im besten Fall sein könnte, näher kommt als sonst jemand. Und sie gibt es weiter.

Das könnte einschüchternd sein, ich könnte mich klein fühlen und schrecklich ungebildet, aber so ist es nie. Ihr Wissenshunger und Erkenntnisdurst lassen mich lesen und lesen, obwohl ich müde bin und schlafen sollte und manchem Gedanken auch gar nicht mehr folgen kann, aber egal, dann lese ich ihn am nächsten Tag nochmals. Immer mit offenem Mund und wacherem Geist.

Darüber musste ich schreiben. Ausgelesen haben werde ich es wahrscheinlich nie. Mit diesem Buch wird man nicht fertig.
Es gibt schließlich noch viel Welt zu verstehen.

Auf die Merkliste für immer

111Es gibt viele schöne Sätze in Okka´s Buch. Aber diese haben es mir besonders angetan. Keine Sätze streng genommen, sondern drei Punkte. Sie stammen aus einer Liste mit Dingen, die sie ihrem Kind irgendwann einmal zeigen möchte und diese drei sind so sehr meine. Ich habe sie auch auf meiner Merkliste für immer. Über all den Kleinigkeiten, möchte ich die großen nicht vergessen.

  • Wie grandios Faulheit ist.
  • Und wie grandios es ist, sich anzustrengen. Für das Eigene. Für das, was einem wichtig ist. Egal, wie weit man damit kommt.
  • Dass es nicht darauf ankommt, ob man ein Angsthase ist. Nur auf den Versuch, es in den wirklich wichtigen Dingen ein bisschen weniger zu sein.

gesunde Mutterliebe und große Buchliebe

015Die Grippe hatte mich erwischt und ich war fertig wie lange nicht mehr. Glieder schwer, der Kopf dick, der Hals kratzt und jede kleine Bewegung einfach nur zu viel. Ans Bett gefesselt, weil alles andere zu anstrengend wäre. Alleine mit mir und dem Buch, dass ich gleich bestellt hatte, als ich davon erfahren habe. In zwei Tagen gelesen. Und genesen.

Ich glaube fest daran, dass dieses Buch Anteil daran hatte. Es wurde mir so warm ums Herz und ein klein wenig feucht in den Augen. Mutterliebe. Diese große, unumstößliche schwappt einem in voller Wucht entgegen und hüllt einen ein. Geborgenheit fühlen mit einem Buch. Dieses Gefühl, das man als Kind hatte an Samstagsabenden gebadet und eingewickelt in ein viel zu großes Badetuch, leicht matt vom heißen Wasser auf dem Sofa sitzend, meine Mutter in der Küche und mein Vater irgendetwas schreibend oder sortierend im Hintergrund ein Fußballspiel im Radio oder Barock-Musik. (Beides Dinge, die ich auch heute noch nur kurz hören muss, um hoffnungslos melancholisch zu werden) Diese Geborgenheit aus Kindertagen, in denen man noch nicht wusste oder ahnte, dass es nicht überall so warm und sicher und man selbst so gut aufgehoben ist,  scheint auf jeder Seite durch.

Das Buch zu lesen ist wie ein warmes Bad in diesem Gefühl von Geborgeneheit, von warmer, dicker Liebe und dem, was Familie sein kann, nämlich ein Ort, wo es gut ist, wie man ist, auch wenn man selbst gerade gar nicht gut drauf ist, sondern schrecklich nörgelig und sich selbst nur schwer ertragen kann.

Es ist ein so nahes Buch, weil Okka einen ganz nah heranlässt. Das ist nie peinlich berührt, sondern immer nur von dieser menschlichen Wärme. Ich kann so vieles verstehen. Die Sehnsucht nach Stunden alleine, das Gefühl des Alleine-Seins und der Moment, wenn es ins Verloren-sein abrutscht. Das sich verrennen im Streit, wenn ich mich selbst nicht leiden kann, ob meiner Kleingeistigkeit und weil ich grundsätzlich werde. Und dass sie den Film Beginners auch so mochte und jetzt bin ich wie ein verliebter Teenager, der nach Gemeinsamkeiten fahndet und diese dann als Zeichen für ewiges Glück wertet, aber so fühlt es sich an. Wie das Gespräch mit einer Freundin.

Es gibt entweder die Bücher, die das Muttersein hochjubeln und es gibt diejenigen, die Angst machen, weil es eine einzige anstrengende Grenzerfahrung zu sein scheint. Okkas Buch ist eines voller Liebe, Geborgenheit und Wärme. Es ist ehrlich, ungeschminkt. Und es macht heile.
Nach dem Buch will man nur eines: Ganz schnell ein Baby machen und eine Familie gründen.

dahinter sehen

034033032Roger Willemsen schreibt täglich zur Buchmesse und lässt einen so teilhaben an diesem Spektakel mit dem ihm so ganz eigenen Blick. Wie ich seinen heutigen Text aufgesogen habe. Er handelt nicht von Büchern, sondern von den Schreibenden. Und diese Achtung vor den Autoren, vor den Menschen hinter dem Geschriebenen, die würde ich mir so viel öfter wünschen und die lässt mich ihn noch mehr mögen, falls dies überhaupt möglich ist.

„Ich sitze am Tisch zwischen Menschen, die alle gute Gründe gefunden haben, ihr Leben Büchern zu widmen. Mein Glück liegt gerade darin zuzusehen, wie die Bücher aus ihnen heraus scheinen, die schon geschriebenen und die noch nicht entfalteten.

Judith Hermann spricht unangestrengt, doch bewusst, das heißt voller Skrupel. Auf die Weise, wie ihr Gedanken und Worte kommen, verrät sich selbst im Sprechen das jahrelange Arbeiten an haltbaren Sätzen. Sie muss eine ethische Provokation gewesen sein vor allem für Männer mit einem ordinären Verhältnis zu Sätzen.

…Und ich denke, selbst wenn diese Menschen und ihresgleichen scheiterten, unverstanden blieben, dann wären da eine Integrität und auch Zartheit, die sich im Binnenverhältnis zwischen diesen Schreibenden und ihren Stoffen, Themen und Büchern zeigen. Diese teilen sich mit, sie gehen hinaus und haben so gar nichts zu tun mit der Zudringlichkeit und der Brutalität der Kommentierung. Ihre Formen, die Welt zu lesen, verschränkten und beantworteten sich, unabhängig von der Schaumschlägerei des »Betriebs« auch auf der »Weltmesse der Kommunikation«. Es ging nicht um das, was diese Schreibenden können, sondern um das, was sie sind.“

richtig gelegen

008Bilder deiner großen Liebe.
Natürlich schwingt das Wissen mit, um die Umstände unter denen es geschrieben wurde.
Aber nach ein paar Seiten passiert das, was schon in Tschik passierte. Wenn ich das Buch beiseite lege und raus muss in die Welt, dann scheint sie mir ein irgendwie freundlicherer Ort zu sein. Ich gehe zum Einkaufen und so abwegig scheint es gar nicht, den Mann der neben mir läuft und herzhaft in seine Brezel beißt, zu fragen, ob ich auch etwas abhaben kann. Ich spaziere ein wenig an der Isar entlang und das Glück wäre perfekt, wenn jetzt ein Binnenschiff vorbeikäme. Am Zeitungskiosk höre ich Gesprächsfetzen und denke an das Schild des taubstummen Heinrich oder Olaf, dass das meiste eh nur Geplänkel sei.
Und dann ist wieder das passiert, was manchmal passiert beim Lesen, dass ein Buch einen anders zurücklässt. Dass mich Sätze oder Worte noch Tage danach begleiten und die Stimmung mich nicht loslässt.
Es lebt etwas weiter.

mit ganzer Leidenschaft

021Es sein ein männliches Buch, hat mir jemand gesagt. Es ist ein direktes, ein leidenschaftliches, ein intensives würde ich sagen. Eines, dass diesem Gefühl in jungen Jahren, wenn der Kopf ganz wenig bis gar nichts zu sagen hat, weil Gefühle und Hormone gänzlich das Steuer übernommen haben, näher kommt, als sonst irgendetwas.
Und ein trauriges, weil auch die intensivste Leidenschaft nicht ewig trägt und nicht für immer über Ungleichheit hingewegtäuschen kann.
Ein Spiel und ein Zeitvertreib gilt als der erfolgreichste Roman von Salter.
Das heißt nicht immer etwas. Hier schon.

Lebenslauf

_MG_0069„Was Marie-Anne angeht, sie lebt jetzt in Troyes oder hat dort gelebt. Sie ist verheiratet. Wahrscheinlich hat sie Kinder. Sie gehen sonntags spazieren, das Sonnenlicht fällt auf sie. Sie besuchen Freunde, reden, gehen abends nach Hause, tief in dem Leben, das, wie wir alle finden, so ungemein ersehnenswert ist.“

aus:Ein Spiel und ein Zeitvertreib von James Salter

Ist das gut?

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Ich lese gerne. Und viel. Eigentlich fast immer. Zwischendurch in der S-Bahn, morgens bevor ich los muss, abends vor dem Einschlafen und immer wieder in den kleinen Momenten, die ich dem Alltag abringe. Nach Hobbies gefragt mit Lesen zu antworten stempelt einen in Sekunden zum Eigenbrötler ohne Freunde ab, aber selbst das ist mir egal. Wenn ich beim Lesen nur noch wenige Seiten vor mir habe, überkommt mich ein wenig Traurigkeit, wie vor einem Abschied. Es ist keine neutrale Beziehung, die ich zu Büchern habe.
Es ist eine hochgradig emotionale.

Mein Verlangen nach Büchern geht so weit, dass ich ein wenig unruhig werde, wenn keines zur Hand ist. Steht ein lange Zugfahrt bevor oder droht der Flieger sich zu verspäten, dann mache ich mich noch schnell auf zur Buchhandlung um Nachschub zu besorgen. Bei Alkohlikern wäre das ein klarer Fall von Suchtverhalten.

Bücher stapeln sich neben meinem Bett. Das beruhigt mich. Dann lese ich mal dieses an und mal jenes und immer wieder auch parallel.
Wenn ich bei jemanden zum ersten Mal in der Wohnung bin, geht mein erster Blick immer auf das Bücherregal. Dort mir bekannte  und vertraute Titel zu sehen oder solche, die mich neugierig machen, stellt in Minuten eine Verbindung her, für die es sonst Jahre bräuchte.

Die Bücher kaufe ich nach Empfehlung. Manchmal aufgrund von Logarithmen, manchmal, weil es mir jemand, den ich mag, ans Herz legt und manchmal weil andere darüber schreiben.

Davon schreibe ich, weil ich immer hadere, wenn mich jemand fragt, ob das Buch gut sei und weil ich diesen recht harschen Beitrag gelesen habe – und ganz egal wie gut oder schlecht das Buch tatsächlich ist – geht er mir nach. Ebenso wie einen Artikel, den ich mal über Christine Westermann gelesen hatte. Es wurde kritisiert, dass sie für Bücher schwärme, anstatt sie sorgfältig zu rezensieren.

Ich kenne die Funktion und Aufgabe von Literaturkritik und es geht nichts über die Sonntagszeitung und doch zucke ich zusammen. Es ist die abgeklärte Art, die natürlich ihre Berechtigung hat, das völlig Distanzlose und der grobe Verriss. Und in diesen Momenten bin ich so dankbar, dass es neben den großen Medien auch diese kleinen gibt, die manche mal als die Klowände des Internets bezeichnet haben, aber die keine Auftrag haben, nichts beweisen müssen oder mit ihrer Belesenheit prahlen, sondern einfach und ehrlich von einem Buch sagen dürfen, dass es ein gutes war, weil es ihnen gefallen hat. Die keine anderweitigen Kriterien anlegen müssen als ihren eigenen Geschmack. Es ist Raum für beides und es braucht diesen Ausgleich und tut gut, dass nicht einige wenige den Maßstab anlegen für gut oder schlecht, sondern auch andere Stimmen Gehör finden. Und seien sie noch so leise und klein. Dafür liebe ich das Internet.

Was ein Buch für mich zu einem guten Buch macht?

Anke Gröner hat etwas Schönes geschrieben über den Besuch von Museen und über die Wirkung von Kunst und ich würde eben solches sagen von Büchern. Sobald sie etwas machen mit mir, etwas auslösen in mir und wenn es nur ein Satz ist – dann ist es ein gutes Buch. Wenn es mich anders zurücklässt.
Das können nur Bücher. Ich kann eine Welt aus den Augen eines anderen sehen, die mir sonst für immer verschlossen wäre. Mit Büchern sehe ich immer wieder das Meer zum ersten Mal, so hat es Roger Willemsen beschrieben.

Die Geschichte ist fast nebensächlich. Das habe ich schon immer gedacht. Ob es um ein Paar geht oder einen Mann, ob sich wer findet oder verliert oder was wer sucht. Semantik, Satzstruktur alles fein. Es muss etwas bewegen, bewegen in meinem Kopf, meine Sichtweise ändern, neu austarieren. Dann ist es gut.
Es gibt auch Bücher, bei denen ich ganz persönlich meine Grenze ziehe. Die Frauenliteratur, die nur auf den einen Prinzen wartet und in der das Ende schon auf der ersten Seite absehbar ist. Da erweitert sich für mich nichts, da verengt es nur.

Aber auf alles andere, lasse ich mich ein. Auf deftige Sprache, auf Jugendliteratur, auf abwegigste Wirtschaftstheorien. Und wenn ich dann den Gedanken denke, den ich ohne dieses Buch nicht gedacht hätte, wenn ich die Welt ein wenig anders sehe, mehr verstehe oder einfach nur kurz weggetaucht bin in eine andere, dann war es ein gutes Buch. Wenn ich mir einen Satz herausschreibe, weil es dieser eine ist, der alles sagt, was zu sagen wäre in ebendieser Situation, dann ist es ein gutes Buch.
Dies alles kann ich so frei sagen, weil ich manches Mal fürs Schreiben, aber weniger fürs Lesen bezahlt werde.
Und beides sehr gerne tue.
Leidenschaftlich.
Und die trübt bekanntermaßen das Urteilsvermögen. Nur dass das manchmal auch gut so ist.

So. Und jetzt?

062„So. Und jetzt? Wie oft ich mir diese Frage gestellt habe, in den letzten Stunden, Tagen, Wochen. So und jetzt und jetzt so. Live by the river!
Es gibt Tausende Und-jetzt-Möglichkeiten. Die Welt hatte noch nie mehr davon übrig. Sie sind unzählbar, umzingeln mich, bieten sich an auf einem silbernen Tablett, und die einzige Reaktion, die sie mir entlocken, ist das rotierende „So. Und jetzt?“
Willkommen in meiner Welt der Luxusprobleme. Ich könnte ja so vieles machen. Wie sagt man so schön: Ich hab´s ja.“

aus: Und alle so yeah von Rebecca Martin